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Emotionen verstehen: Jenseits von ‚Gut' oder ‚Schlecht'

Christoph Görn·

„Wie geht's dir?" – „Gut." Oder vielleicht: „Geht so." Diese Antworten kennen wir alle. Wir nutzen sie täglich, oft ohne nachzudenken. Doch was sagen sie eigentlich aus? Bist du energiegeladen, zufrieden, erleichtert – oder einfach nur nicht schlecht?

Die meisten von uns haben nie gelernt, ihre Gefühle differenziert zu benennen. Dabei liegt genau hier ein Schlüssel zur Selbstentdeckung. Dieser Artikel zeigt, wie Prinzipien aus der Kognitiven Verhaltenstherapie und aktuelle Forschung zur emotionalen Granularität uns helfen können, uns selbst besser zu verstehen.

Das kognitive Dreieck: Ein Rahmen zum Verstehen

In den 1960er Jahren entwickelte der Psychiater Aaron Beck ein Konzept, das die Psychotherapie nachhaltig prägte: das kognitive Dreieck. Die Grundidee: Unsere Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen sind miteinander verbunden. Verändert sich ein Aspekt, beeinflusst das auch die anderen beiden.

Ein Beispiel: Du wachst morgens auf und dein erster Gedanke ist „Heute wird ein anstrengender Tag." Dieses Denkmuster beeinflusst dein Gefühl – vielleicht spürst du eine leichte Anspannung, Unruhe im Körper. Dieses Gefühl wiederum prägt dein Verhalten: Du greifst hastig zum Kaffee, überspringst das Frühstück, reagierst weniger geduldig auf die erste E-Mail.

Das Interessante an diesem Modell: Es funktioniert in alle Richtungen. Wenn du lernst, deine Gefühle genauer wahrzunehmen und zu benennen, gewinnst du Einblick in deine Denkmuster. Und wenn du dein Verhalten bewusst änderst – etwa durch eine kurze Morgenroutine – kann sich das auf deine Gedanken und Gefühle auswirken.

Emotionale Granularität: Die Kunst des präzisen Benennens

Der Psychologe Robert Plutchik entwickelte in den 1980er Jahren sein Emotionsrad – eine visuelle Darstellung von acht primären Emotionen in jeweils drei Intensitätsstufen. Freude, Vertrauen, Angst, Überraschung, Trauer, Ekel, Wut und Erwartung bilden dabei die Grundfarben unserer emotionalen Palette.

Diese Differenzierung ist mehr als eine akademische Übung. Die Forschung zeigt: Menschen mit hoher emotionaler Granularität – also der Fähigkeit, feine Unterschiede zwischen ähnlichen Gefühlen zu erkennen – verfügen über mehr Werkzeuge zur Selbstregulation. Sie können ihre Bedürfnisse präziser identifizieren und entsprechend handeln.

Der Unterschied zwischen „Ich bin traurig" und „Ich bin einsam" mag subtil erscheinen, führt aber zu unterschiedlichen Erkenntnissen. Traurigkeit braucht vielleicht Raum und Zeit zum Verarbeiten. Einsamkeit hingegen signalisiert einen Mangel an Verbindung – und lädt möglicherweise dazu ein, Kontakt zu suchen.

Ähnlich verhält es sich mit anderen Emotionen: Ist diese körperliche Anspannung eher Aufregung oder Angst? Beide fühlen sich physiologisch ähnlich an – schnellerer Herzschlag, erhöhte Wachsamkeit – haben aber unterschiedliche Bedeutungen. Aufregung signalisiert oft Vorfreude, Angst eher eine wahrgenommene Bedrohung.

Der Kontext erzählt die Geschichte

Ein einzelner Datenpunkt gleicht einem Puzzleteil – interessant, aber schwer einzuordnen. Erst der Kontext macht ihn wertvoll.

In der Kognitiven Verhaltenstherapie erfasst ein Stimmungstagebuch daher nicht nur die Emotion selbst, sondern auch: Was war die auslösende Situation? Welche Gedanken gingen mir durch den Kopf? Was habe ich daraufhin getan?

Diese Verknüpfung ermöglicht Erkenntnisse, die aus isolierten Emotionsmessungen nicht entstehen. Wenn du über Wochen hinweg beobachtest, dass deine Stimmung an Tagen mit körperlicher Bewegung tendenziell besser ist, entsteht ein persönliches Muster. Nicht weil dir jemand gesagt hat, dass Bewegung gut sei, sondern weil du es in deinen eigenen Daten siehst.

Besonders wertvoll ist dieser Ansatz, wenn er überraschende Zusammenhänge aufdeckt. Vielleicht bemerkst du, dass bestimmte soziale Situationen dich mehr erschöpfen als erwartet. Oder dass deine Stimmung an Tagen mit ausreichend Schlaf stabiler ist.

Die Frequenz-Frage: Weniger kann mehr sein

Eine überraschende Erkenntnis aus der aktuellen Forschung: Mehr Tracking ist nicht automatisch besser. Eine Studie von Jamalabadi et al. (2025) zeigt, dass für reguläres Monitoring wöchentliche Assessments oft genauso aussagekräftig sind wie tägliches Erfassen – ohne das Risiko der sogenannten „Survey Fatigue".

Was ist Survey Fatigue? Survey Fatigue beschreibt die Ermüdung, die entsteht, wenn Menschen zu häufig oder zu ausführlich befragt werden. Die Folgen: sinkende Antwortqualität, oberflächlichere Angaben und im schlimmsten Fall das komplette Aufgeben. Bei Selbstbeobachtung kann dieser Effekt besonders tückisch sein – man trackt zwar noch, aber ohne die nötige Aufmerksamkeit.

Zu häufiges Tracken (mehr als viermal täglich) kann zudem zu Reaktivitätseffekten führen: Man beginnt, sich anders zu verhalten, weil man beobachtet wird. Das kann die Daten verzerren.

Für die meisten Menschen liegt ein guter Rhythmus bei ein- bis zweimal am Tag. Eine kurze Erfassung, ein bewusster Moment der Selbstreflexion. Keine langen Fragebögen, kein Druck bei verpassten Tagen.

Dieser letzte Punkt ist wichtig: Die Forschung zeigt, dass ein einzelner verpasster Tag den langfristigen Nutzen nicht beeinträchtigt. Regelmäßigkeit ist wertvoller als Lückenlosigkeit.

Der Unterschied zu oberflächlichem Tracking

Viele Apps bieten heute Mood-Tracking an. Oft reduziert sich das auf einen Smiley-Slider: traurig links, fröhlich rechts. Diese Vereinfachung mag niedrigschwellig sein, geht aber an dem vorbei, was die Forschung als wertvoll identifiziert.

Der Ansatz der Kognitiven Verhaltenstherapie ist differenzierter. Es geht nicht darum, jeden Tag auf einer Skala von eins bis zehn einzuordnen. Es geht darum, den Kontext zu verstehen. Welche Situation hat zu diesem Gefühl beigetragen? Welche Gedanken begleiteten es?

Dieses Mehr an Differenzierung erfordert etwas mehr Zeit – zehn Sekunden statt drei. Doch es liefert Erkenntnisse, die über „heute war ein guter Tag" hinausgehen.

Ein Anfang ohne App

Du brauchst keine App, um heute anzufangen. Nimm dir einen Moment und frag dich: Was fühle ich gerade – jenseits von „gut" oder „schlecht"?

Vielleicht bist du neugierig. Vielleicht skeptisch. Vielleicht hoffnungsvoll. Alle drei sind unterschiedliche emotionale Zustände – und jeder erzählt eine andere Geschichte über das, was du gerade erlebst.

Diese Fähigkeit – das präzise Benennen dessen, was in dir vorgeht – ist ein erster Schritt, um dich selbst besser zu verstehen. Nicht um dich zu optimieren. Sondern um Klarheit zu gewinnen.

Und Verstehen ist oft der Anfang von Veränderung.